Geschichte des Hanfs
Geschichte des Hanfs
Eigentlich seltsam...
...dass es nötig sein kann, von einer unscheinbaren Nutzpflanze zu erzählen, die noch vor 100 Jahren aus dem mitteleuropäischen Alltag nicht wegzudenken war. Aber tatsächlich wurde die lebendige Tradition des Hanf jahrzehntelang zurückgedrängt, und schließlich wurden ihre Reste durch das Hanf-Anbauverbot regelrecht vernichtet.
Ein kurioser, kulturgeschichtlich einmaliger Vorgang, der, gemessen an der langen Epoche der Hanfkultivierung, plötzlich und unvermittelt geschah. In weniger als einem Jahrhundert war der Hanf als vielfältige Nutzpflanze von den Feldern und aus dem Bewusstsein der (allermeisten) Menschen verschwunden. An seine Stelle getreten war ein Bild: das einseitige und in der Farbgebung propagandistische Bild vom Hanf als gefährlicher Droge.
Was war geschehen?
Hanf (Cannabis sativa), schnell wachsender Rohstoff und Kohlendioxid-Speicher; rauschgiftarme Sorten werden in Deutschland seit 1996 wieder angebaut.
Wie es anfing
Wann Menschen begannen, den Hanf zu nutzen oder ihn anzubauen, weiß niemand. Seine ursprüngliche Heimat waren wohl die gemäßigten und die warmen Regionen Asiens. Jedenfalls fanden Archäologen in Nordchina Belege dafür, dass Hanf bereits vor ca. 6000 Jahren als Material für Schnüre und Webstoffe diente. Als Arznei wird er erstmals in einem chinesischen Buch des 2. oder 3. nachchristlichen Jahrhunderts erwähnt, dessen Autor die Quellen seines Wissens auf ca. 2000 v. Chr. datiert.
Wenn Hanf als Arznei eingesetzt werden konnte, dann musste man sich vorher einige Zeit mit seinen pharmakologischen Wirkungen beschäftigt haben, um über Wirkungsweise und Dosierung einigermaßen Bescheid zu wissen. Das aber setzt voraus, dass man überhaupt erlebt hatte, wie der Konsum von bestimmten Teilen der Pflanze wirken konnte. Mit anderen Worten: bevor es eine Arznei geben konnte, musste es erst einmal Rauscherfahrungen gegeben haben.
Man kann sich leicht vorstellen, dass die grundsätzlich religiös gestimmten frühen schamanistischen Kulturen Asiens die Rauschwirkungen des Hanf in ihre Riten eingebaut hatten, woraus dann die methodischer vorgehende chinesische Kultur die erwähnte Arznei machte, vermutlich durchaus "modern" mittels Versuch und Irrtum.
Die zentralasiatischen Nomadenvölker nutzten Hanf u.a. als Nahrungsmittel. Es dürfte dann nur eine Frage der Zeit gewesen sein, bis die Völker auf berauschenden Wildhanf stießen. Denn ob wilder Hanf berauscht oder nicht, liegt vor allem an der Sonneneinstrahlung, die sein Wachstum begleitet; unter großzügiger afghanischer Bestrahlung produziert die Pflanze deutlich größere Mengen von dem entscheidenden Wirkstoff THC als im norddeutschen Nieselwetter. Auf jeden Fall ist anzunehmen, dass die vielfältige Nutzung des Hanf in Zentral- und Ostasien vor 5000 - 6000 Jahren die Nutzung seiner berauschenden Wirkung einschloss.
Der Hanf geht nach Westen
Funde, z.B. aus dem Stuttgarter Raum, zeigen, dass der Hanf im letzten vorchristlichen Jahrtausend seinen Weg von Asien nach Europa gemacht haben muß. Etwa aus der gleichen Zeit stammt das älteste schriftliche Zeugnis für den Kontakt mit Hanf in europäischen Kulturen. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot bemerkt im 5. Jahrhundert v. Chr., dass die "barbarischen" (aus Südwestasien stammenden) Skythen bei ihren Totenritualen die Samen einer Pflanze auf heiße Steine legen und dann die Dämpfe einatmen.
Diese Pflanze erinnert die Griechen vom Aussehen her wohl an Rohrpflanzen, und so nennen sie sie - nach dem griechischen Wort für "Rohr" (kanna) - "kannabis", eine Benennung, die sich in der latinisierten Form bis heute erhalten hat. Auch das deutsche "Hanf" ebenso wie alle anderen europäischen Bezeichnungen für die Pflanze ("hemp", "chanvre") leitet sich von "cannabis" ab.
Offenbar spielt der Hanf in der Antike in vielen Kulturen eine Rolle: Ägypter, Assyrer, Skythen, Thraker und Griechen nutzen ihn zur Faser- und Ölgewinnung und zu kultischen und therapeutischen Zwecken. Die Römer scheinen ihn dagegen nicht in nennenswertem Umfang verwendet zu haben, so dass Hanf in der europäischen Spätantike nicht sonderlich populär ist.
Die Eroberungszüge der Araber, die eine vielfältige Hanfkultur mitbringen, regen ab dem 8. Jahrhundert wohl eine intensivere Hanfverwendung in Europa an. Im Mittelalter wird Hanf Bestandteil der europäischen Alltagskultur und vielfältig genutzt: als Nahrungsmittel und in zahlreichen Formen der Fasernutzung, aber vermutlich weder als Arznei noch als Droge.
Die Blütezeit: Buchdruck und Schifffahrt
Wohl nicht zuletzt aufgrund seiner Anspruchslosigkeit als Feldpflanze und aufgrund der Rauheit der aus ihm gewonnenen Fasern, ist der Hanf im Mittelalter nicht sehr hoch angesehen, und wann immer man kann, leistet man sich "etwas besseres". Die mittelalterliche Metapher "Meister Hanf", mit der man den Strick bezeichnet, an dem Verurteilte aufgehängt werden, spricht hier Bände.
Erst zum ausgehenden Mittelalter ändert sich die Bedeutung des Hanf für die europäischen Kulturen, wofür zwei Faktoren entscheidend sind. Im 14. Jahrhundert kommt die Technik der Papierherstellung aus China nach Europa, und deren Grundstoff ist damals neben dem Flachs der Hanf. Nach Gutenbergs Erfindung nimmt dieser Wirtschaftszweig einen enormen Aufschwung.

Der zweite Faktor ist die Zunahme der Hochseeschifffahrt ab dem 16. Jahrhundert im Rahmen von Kolonisierung und Überseehandel. U. a. bringt sie die Ablösung der Galeere als vorherrschendem Schiffstypus durch das (Groß-)Segelschiff mit sich. Für Segel, Taue, Flaggen usw. erweist sich der Hanf mit seiner Reiß- und Nassfestigkeit als konkurrenzlos überlegen, und dementsprechend groß ist die Nachfrage nach ihm bis weit ins 19. Jahrhundert hinein.

Neben diesen zwei Hauptsträngen halten sich aber auch andere Hanffasernutzungen ebenso im europäischen Alltag wie die Verwendung von Hanf als Lebensmittel und mittlerweile auch als Arznei.
Der Niedergang: die Industrialisierung
Im 19. Jahrhundert geht es mit dem Hanf in Europa erst langsam, dann immer schneller bergab. Dafür zeichnen in erster Linie drei Faktoren verantwortlich.
Zum einen die Erfindung von Maschinen, die die Verarbeitung von Baumwolle erheblich leichter und schneller machen. Das führt zu einer weltweiten Steigerung der Nachfrage nach Baumwolle und zu einem entsprechenden Rückgang beim Hanf, dessen Aufschluss und Verarbeitung weiterhin arbeitsintensiv und damit teuer bleiben. Bis ins 20. Jahrhundert hinein sperrt er sich mit seiner Struktur erfolgreich gegen maschinelle Bearbeitung. Das kostet ihn seine Präsenz auf dem Textilmarkt.
Der dritte Faktor ist der Fortschritt in der Holzverarbeitung. Seit 1851 ist infolge verschiedener Erfindungen Holz für die Papiergewinnung nutzbar. Und natürlich ist Holz, rücksichtslos im Raubbau geschlagen, viel billiger als Hanf. Damit verschwindet der Hanf auch vom Papiermarkt fast völlig.

Seit 1851 ist Holz für die Papiergewinnung nutzbar. Da dieser Rohstoff viel billiger ist, verschwindet der Hanf auch fast völlig vom Papiermarkt.
Und schließlich kommt es zu einer erneuten großen Wende in der Schifffahrt: Dampfschiffe treten an die Stelle der Segelschiffe, und der Hanf verliert bis zum frühen 20. Jahrhundert seinen größten Absatzmarkt. Im Rahmen der Kriegswirtschaft wird er 1914-18 und 1939-45 wegen seiner Anspruchslosigkeit und vielfältigen Nutzbarkeit in Deutschland noch einmal wiederbelebt, aber danach geht es mit ihm zu Ende.
Es ist beinahe so, als komme der Hanf mit Logik und Dynamik der Industrialisierung nicht zurecht. Zwar hat er an entscheidenden Punkten geholfen, sie vorzubereiten, doch als sie ihre Maschinisierungswut, ihre globale Mobilität und ihre alles beherrschende kalte Kunst des Rechnens voll entfaltet, bleibt er auf der Strecke. Zur Verdeutlichung: im 17. Jahrhundert beträgt die Hanfanbaufläche in Deutschland ca. 150.000 Hektar, 1913 noch wenige Hundert. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg sinkt die Anbaufläche wieder, in der BRD deutlich schneller als in der DDR, von über 20.000 Hektar auf unter 5.000 (s. Graphik KARUS, S.3).
1982 wird mit der Neufassung des Betäubungsmittelgesetzes in der Bundesrepublik praktisch ein Anbauverbot verhängt. Wie war es dazu gekommen? Muss man den Hanf, der ohnehin im Sterben liegt (150 ha Anbaufläche 1981), denn noch eigens hinrichten? Und für welches Verbrechen?
Die Wiederauferstehung
1996 wird der Anbau THC-armer Hanfsorten unter entsprechender staatlicher Kon-trolle in Deutschland wieder zugelassen. Damit wird der undifferenzierten Sippenhaft ein Ende gemacht, die nicht zwischen THC-reichen und -armen Sorten unterschieden hat. Längst nämlich sind THC-arme Hanfsorten gezüchtet worden, die nunmehr, ebenso wie eine deutlich verbesserte Verarbeitungstechnik, allmählich zum Einsatz gebracht werden können. Wie war es denn dazu nun wieder gekommen?
Der Hanf profitiert hier vom zunehmenden Umweltbewusstsein, d.h. vor allem von der dringender werdenden Notwendigkeit, die Schadstoff- und Müllproduktion effektiv zu senken. Unversehens gerät der Hanf in die Rolle eines Geheimtips: seine exzellenten Anbaueigenschaften (keine Pestizide nötig, als Zwischenfrucht geeignet, bodenverbessernd, wenig arbeitsaufwendig) und seine im Prinzip restlose Verwertbarkeit machen den bisher Verfemten plötzlich zu einer Vorbildpflanze für ökologisch verantwortliches, nachhaltiges Wirtschaften. Daher fördert die EU den Hanfanbau anfangs in maßvollem Umfang.

Wachsende Müllberge rufen den Hanf als ökologische Vorbildpflanze wieder ins Gedächtnis zurück. Vielfältige Hanfprodukte werden (wieder-)erfunden, getestet und auf den Markt gebracht: Faserproduktlinien (im Textil- und im Baustoffbereich, Geotextilien und Kunststoffverstärkung sowie Zellstoffe und Schäben), Nahrungsmittel (vor allem Speiseöl und Samen) und Medikamente auf der Basis von natürlichem THC. Überall steht der Hanf dabei vor einem harten Wettbewerb um eine rentable Marktstellung, denn selbstverständlich sind alle diese Marktsegmente bereits von anderen natürlichen oder synthetischen Rohstoffen besetzt. Und der Hanf fängt quasi wieder bei Null an, er profitiert nicht von der IT-Euphorie und lockt auch ansonsten nicht gerade das "große Geld" an. Mit sinnvollem, nachhaltigem Wirtschaften lassen sich eben kaum finanzielle Husarenritte - ganz schnell ganz viel Geld verdienen - durchziehen.
Angesichts dieser Ausgangslage sind die bisherigen Erfolge des Hanf beachtlich. Thermo-Hanf, hat es z.B. innerhalb von zwei Jahren zum Marktführer im Bereich der Naturfaserdämmstoffe in Deutschland gebracht.
Das ist für einen Totgesagten doch nicht schlecht, oder?

Hanfprodukte kehren langsam wieder auf den Markt zurück: Textilien, Baustoffe, Nahrungsmittel, Medikamente, uvm werden aus der Nutzpflanze hergestellt.
Kleine Bibliographie zum Schluss
Manches erscheint Ihnen unglaublich? Sie wollen mehr wissen über den Hanf, über seine Geschichte, über den Schelm Anslinger? Hier ein paar Tips zum Weiterlesen:
Behr, H.-G.: Von Hanf ist die Rede (1982)
Grotenhermen, F./ Karus, M.: Cannabis als Heilmittel. Eine Patientenbroschüre (1996)
Herer, J.: Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf (1993)
nova-Institut (mit IAF und ifeu): Das Hanfproduktlinienprojekt (1996)



